„Wir mussten uns den Weg durch die Dutzenden von Schaulustigen regelrecht freiboxen. Das war eine Katastrophe.“ Schon seinerzeit hatte Stadtbrandmeister Alfons Huesmann entrüstet angemerkt: „Ich finde es unverschämt, wenn Mütter in Begleitung schulpflichtiger Kinder den Unfallort nicht umgehend verlassen, sondern sich im Gegenteil bemühen, möglichst noch einen Blick auf das Unfallopfer zu erhaschen.“
Gaffen, das weiß Reinhold Flüthe, ist ein Phänomen, das es bei Unfällen jedweder Art schon immer gab und weiter geben wird. Doch das „Interesse“ an Notfällen ist gestiegen, vor allem dann, wenn diese in der Stadt stattfinden. „Das Ganze ist natürlich zunächst ein zweischneidiges Schwert“, sagte der Feuerwehrmann im Gespräch mit den WN. „Wenn noch keine Rettungskräfte vor Ort sind, muss schließlich von den Menschen Rettung im Rahmen der Ersten Hilfe geleistet werden.“ Wenn allerdings Rettungsdienst oder Feuerwehr am Unfallort eingetroffen seien, sei ein Abstandhalten dringend angesagt, damit die ausgebildeten Retter arbeiten könnten. „Es spricht nichts dagegen, an einem Unfallort vorbeizugehen und einen langen Hals zu machen. Dann sollte man aber zügig weitergehen“, meint Flüthe und betont: „Jeder Gaffer sollte sich einmal in die Lage des Verunfallten versetzen. Du bist auf der Transportliege und wirst von 50 Augenpaaren angestarrt. Das will doch kein Mensch.“
Zu einem richtigen Problem wird Gaffen dann, wenn Retter in ihrem Bewegungsraum eingeschränkt werden. „Beim Unfall am Steintor vergingen kostbare Minuten, ehe wir uns durch die Schaulustigen durchgekämpft hatten und helfen konnten“, sagte Reinhold Flüthe. Zudem seien rund zehn Kameraden damit beschäftigt gewesen, Absperrmaßnahmen durchzuführen, statt ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen zu können. „Und wenn man sich dann von den Sensationslüsternen, die wir wegschicken, noch anhören muss, sie könnten stehen wo sie wollten, ist das Maß der Erträglichkeit überschritten.“
Das Gaffen, weiß Flüthe, ist kein Problem der Telgter alleine. Auch deshalb haben die Wehren inzwischen auf fast jedem Einsatzfahrzeug Decken und Tücher, um den Unfallort vor Neugierigen zu schützen. So beispielsweise in Westbevern, als ein Treckerfahrer einen Mann mit tödlichem Ausgang überrollte. „Auch da waren zehn Kameraden nur damit beschäftigt, den Ort mit den Tüchern vor den Blicken der Gaffer abzuschirmen“, so der Feuerwehrmann.
„Gucken an sich ist kein Straftatbestand. Und Schaulustige überschreiten Grenzen auch nur vereinzelt, so dass wir dann Maßnahmen wie Platzverweise erteilen müssen“, sagte von der Polizei Warendorf deren Pressesprecherin Dagmar Artmeier. Im Regelfall würde die Polizei Unfallstellen eh großräumig absperren und Verkehr umleiten. „Im Gegensatz zur Polizei hat die Feuerwehr allerdings keine Möglichkeit, rechtliche Schritte gegen Schaulustige einzuleiten“, so Artmeier weiter. Hier sei die enge Zusammenarbeit von Wehr und Polizei gefordert.

