„Diesen Tag werden die Telgter nicht so leicht vergessen“, lautet der erste Satz im Tagebucheintrag zum 9. Februar 1946. Aufgeschrieben hat ihn Propst Clemens Bringemeier in seiner Chronik der Pfarrgemeinde St. Clemens, die Sakristan Karl-Heinz Engemann für das Archiv aufbereitet hat. Der Propst hat Recht behalten; denn bis heute ist es das größte Emshochwasser, an das sich noch lebende Telgterinnen und Telgter erinnern können.

Meteorologen und Hydrologen beschreiben die Wintersituation 1946 so: Nach einer zweiwöchigen Frostperiode sorgte Tiefdruckeinfluss Ende Januar für Tauwetter und brachte die noch vorhandene Schneedecke zum Abschmelzen. Anfang Februar sorgten drei kurze, aber heftige Regenperioden für ein schnelles Ansteigen der Ems. Letztlich brachte der am 7. Februar einsetzende außergewöhnliche Starkregen am 8. und 9. Februar den Fluss zum Überlaufen. Vor allem im höher gelegenen oberen Emsgebiet fiel mit Tagesniederschlägen von mehr als 150 Millimetern an jedem der zwei Tage – das Drei- bis Fünffache des langjährigen durchschnittlichen Februarniederschlags.

„Die Katastrophe war also absehbar“, schreibt Dr. Andreas Eiynck, der von 1988 bis 2024 das Emslandmuseum in Lingen leitete. Doch die für den Warndienst zuständigen Behörden waren wenige Monate nach Kriegsende aufgelöst oder nicht funktionsfähig und es fehlte vor allem an überörtlicher Koordination. „Daher kam die Flut für die örtlichen Behörden in Warendorf und Telgte, Greven und Rheine ziemlich überraschend“, so Eiynck.

Es war nur eine Spontanreaktion auf das, was passierte, möglich, wie auch die Bringemeier-Chronik aufzeigt: „Angesichts des bereits ungewöhnlich hohen Wasserstandes stellten wir in der Propstei am Freitag, dem 8. Februar, abends den Wecker auf 2 Uhr nachts.“

Erdgeschoss wird geräumt

Spannend geht es dann weiter: „Beim Erwachen stellten wir fest, daß das Wasser bereits in den Keller einströmte, den wir vorsorglich schon am Abend zuvor geräumt hatten. Nun begannen wir, das Erdgeschoß zu räumen, nur die leeren Schränke blieben zurück. Alles wurde in den ersten Stock getragen. Um 4 Uhr waren wir damit fertig. Wir stellten den Wecker auf 6 Uhr und legten uns wieder schlafen.“

Doch der Propst schreibt von einem bösen Erwachen am Samstagmorgen, denn: „Um 6 drang das Wasser sehr schnell in die Zimmer des Erdgeschoßes. Die Nachbarn vom Kirchplatz trugen die leeren Schränke, Stühle und Tische in die Vikarie. Die großen Schränke wurden aufgebockt. Für die Bewohner des Pastorats folgte dann der Umzug in die Vikarie.“

Gewaltige Flutwelle

Der ununterbrochene Starkregen am 8. und 9. Februar setzte eine gewaltige Flutwelle in Bewegung, deren Verlauf sich an den aufgezeichneten Pegelständen ablesen lässt, wie Andreas Eiynck schreibt: „Der Scheitelpunkt der Hauptflutwelle erreichte am 9. Februar um 2 Uhr nachts den Schlosspark in Rheda und um 18 Uhr Telgte, am Tag darauf um 2 Uhr Greven, gegen 10 Uhr Emsdetten und um 20 Uhr Rheine.“

Die Flut der Ems zog sich so schnell wieder zurück, wie sie gekommen war. „Am Sonntagabend um 7.30 Uhr war die Ems soweit gesunken, daß das Erdgeschoß der Propstei frei war vom Wasser.“ Und Propst Bringemeier stellt mit gewissem Stolz fest: „In die Kirche drang das Wasser nicht ein.“ Lediglich der Grund unter der Kirche wurde vom Wasser unterspült, sodass der Fußboden vor der Kommunionbank absackte.

Feuerwehr im Einsatz

Schon am Sonntag begann man, das Erdgeschoss der Propstei wieder einzuräumen. Der Keller wurde in den folgenden Tagen von der Feuerwehr leergepumpt. Allerdings machte sich die Feuchtigkeit in den Wänden noch fast zwei Jahre lang bemerkbar. „Im Wohnzimmer des Propstes wurde die Wand zur Ems hin überhaupt nicht wieder trocken, sodaß eine Wand aus Heraklitplatten vorgesetzt werden mußte“, berichtet Propst Bringemeier in seiner Chronik abschließend.

Die Schäden an den Häusern und der Infrastruktur waren gewaltig. „Die Katastrophe traf die Bevölkerung besonders hart, denn das Kriegsende lag erst wenige Monate zurück und damit auch der totale Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und der Versorgungseinrichtungen“, fasst Andreas Eiynck zusammen. Brennstoffe waren im ersten Nachkriegswinter äußerst knapp, Kohle und Holz für die Öfen kaum zu bekommen. Viele Familien sammelten in den Klatenbergen Holz. Lebensmittel waren ohnehin rar und mussten durch Tauschhandel oder auf dem Schwarzmarkt besorgt werden.

Das Winterhochwasser von 1946 markiert allerdings auch einen ersten Wendepunkt in der Nachkriegszeit: Aus Feinden wurden Freunde. Die britischen Besatzungsbehörden traten in dieser Katastrophensituation zum ersten Mal als Helfer auf, retteten Menschen aus den Fluten und versorgten die Eingeschlossenen in ihren Häusern.

 

Bericht: wn.de